Die Geschichte der modernen Haartransplantation nimmt in Japan zu Beginn der 1930er-Jahre ihren Ausgangspunkt. Bereits im 18. Jahrhundert sind missglückte Tierfellverpflanzungen auf Menschenhaut dokumentiert. Heute ist die Historie der Haarimplantation eine Erfolgsgeschichte: Die Methoden wurden mit dem Fortschritt in Medizin und Technik konsequent weiterentwickelt und Eigenhaarverpflanzungen sind heute so populär wie nie zuvor. Aber der Reihe nach:

1930: Frühe Technologie der Haartransplantation in Japan

Zwar soll bereits im frühen 19. Jahrhundert der Würzburger Arzt Dr. Johann Friedrich Dieffenbach das Wagnis einer Haarimplantation im Selbstversuch eingegangen sein – seine Experimente werden jedoch nicht weiterverfolgt. Mehr als 100 Jahre später, anno 1930, berichtet der asiatische Forscher Dr. Sasagawa über das Vorhaben einer Haartransplantation in Japan.

Er entwickelt eigene Operationsnadeln, um damit komplette Haarfollikel zu transplantieren. Sasagawa dokumentiert seine Tests – die Operationswerkzeuge sind zwar zweckdienlich einsetzbar, aber Sasagawa arbeitet mit Heterotransplantaten: Er verpflanzt Gewebeteile von einem Lebewesen auf ein anderes und scheitert damit schlussendlich.

1939: Shoji Okuda – Wegbereiter der Eigenhaarverpflanzung

Dr. Shoji Okuda gilt in puncto Haarverpflanzung bis heute als einer der Pioniere. Der japanische Mediziner transplantiert behaarte Hautteile vom Spenderbereich auf unbehaarte Empfängerareale. Das eigene transplantierte Gewebe wird nicht abgestoßen, die Eingriffe sind von Erfolg gekrönt. Okuda wendet die heute unter dem Begriff „Punchtechnik“ bekannte Methode an.

Er stanzt kleine haartragende Hautinseln heraus und versetzt sie an die gewünschten kahlen Stellen. Der Großteil seiner Patienten sind Brandopfer, die sich behandeln lassen müssen. Die Ergebnisse kommen in Ebenmäßigkeit und Natürlichkeit nicht an heutige Standards heran, aber der Grundstein für das Fachgebiet Haartransplantation ist gelegt.

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1943: Weitere Fortschritte der Haartransplantation in Japan

Dr. Hajima Tamura knüpft an die Erfolge seines Landsmanns Okuda an und modifiziert dessen Punchtechnik. Tamura extrahiert kleinere, längliche Hautstücke und zerteilt diese vor dem Einsetzen an der neuen Position. Damit entwickelt Dr. Tamura ein Vorläufermodell der noch heute gebräuchlichen Strip- oder Streifentechnik. Beide Forscher, sowohl Okuda als auch Tamura, sorgen in japanischen Fachkreisen für Aufsehen. Ihre bahnbrechenden Errungenschaften bleiben jedoch in Europa und den USA aufgrund der Weltkriegswirren lange Zeit unbemerkt.

1952: Norman Orentreich führt die Technik der Haartransplantation in den USA ein

Die amerikanische Flagge auf weißem Hintergrund

Erst in den 1950-er Jahren nimmt sich auch die Forschung in der westlichen Welt der Thematik an. Der New Yorker Hautspezialist Dr. Norman Orentreich eignet sich den Wissensstand seiner japanischen Kollegen an und führt ab 1952 Eingriffe durch.

Orentreich konzentriert sich bei seiner Arbeit an Patienten mit erblich bedingtem Haarausfall. Er erkennt, dass aus dem hinteren Kranzbereich entnommene Haarfollikel auch in für Haarschwund typischen Kopfregionen kräftig nachwachsen und diese Stellen nachhaltig von erneutem Haarverlust verschont bleiben.

1959: Dominanz des Spenderhaars und erfolgreiche kosmetische Eigenhaarverpflanzung

Orentreich veröffentlicht die Erkenntnisse seiner Forschungen und Praxiserfahrungen im Jahr 1959. Dabei prägt er den Begriff “Donor Dominance” – die Dominanz entnommener Follikel in puncto Haarwachstum, egal an welcher Position diese wieder eingepflanzt werden.

Zwar waren Okudas Haarimplantationen auf Brandnarben in gewissem Sinne auch kosmetische Eingriffe – dennoch spielen Schönheitsoperationen zu dieser Zeit gerade bei Männern noch keine große Rolle. Nun gibt es erstmals die Möglichkeit, genetisch bedingtem Haarverlust mit natürlichem Haarwachstum beizukommen. Damit macht Norman Orentreich die Haartransplantation in den USA und in weiterer Folge in Europa populär.

1960er- und 1970er-Jahre: Optimierung vorhandener wissenschaftlicher Erkenntnisse

Okuda, Tamura und Orentreich haben Meilensteine gesetzt. In den folgenden Jahrzehnten nehmen sich vermehrt Wissenschaftler und Ärzte aus aller Herren Länder dem Thema an. Sie widmen sich der Verfeinerung und Weiterentwicklung zur Verfügung stehender Techniken. Dabei ist der Fokus auf die gängigste Ursache von Haarverlust gerichtet: auf die androgenetische Alopezie (AGA), den erblich hormonell bedingten Haarausfall.
In dieser Zwischenperiode verlaufen die Behandlungen durchwegs erfolgreich. Vom ästhetischen Gesichtspunkt her können die Resultate jedoch nicht überzeugen. Um der neuen Haarpracht ein authentisches Aussehen zu verleihen und unnatürlich wirkende Büschel zu vermeiden, wird kontinuierlich an den Operationsverfahren gefeilt. Die transplantierten Haarfollikeleinheiten werden kleiner und die Streifentechnik löst die herkömmliche Punchtechnik ab.

1986: Eigenhaarverpflanzung mit Minigrafts und Micrografts

Mit abnehmender Größe der transplantierten behaarten Hautstückchen werden die Operationsergebnisse zusehends vorzeigbarer. Die kleinen Haartransplantate (Grafts) tragen die Bezeichnung Minigrafts (mit etwa drei bis zehn Haaren) und Micrografts (ein bis drei Haare). Die Anzahl pro Eingriff eingesetzter Transplantate wird deutlich erhöht.

1986 präsentiert der deutsche Arzt Dr. Manfred Lucas eine neue Technik, bei welcher ausschließlich solche winzigen Implantate auch für großflächige Haarverpflanzungen zum Einsatz kommen. Micrografts markieren dabei sensible Zonen wie den Übergang am frontalen Haaransatz, während Minigrafts ästhetisch weniger relevante Kopfbereiche mit aktiven Haarwurzeln versorgen.

1988: Die Entdeckung der follikulären Einheit

Haarfollikel werden Patienten in die kahlen Stellen am Kopf verpflanzt

Bei der Zerteilung von Haartransplantaten stellt der Texaner Dr. Bob Limmer 1988 fest, dass die flächenmäßige Haarverteilung nicht beliebig erfolgt, sondern dass sich Kopfhaare räumlich in Einheiten gruppieren – in der Regel zwischen einem bis vier Haaren. Dasselbe Phänomen hatte bereits vier Jahre zuvor der Pathologe Dr. John Headington aus Michigan in seinen histologischen Studien beschrieben.

Headington prägt den Begriff der “Follicular Unit” (FU), zu Deutsch follikuläre Einheit. Headington und Limmer verleihen der Haartransplantation in den USA neue Impulse. Die nunmehr separate Implantation natürlicher Haareinheiten verhindert das Auftreten des “Barbie-Puppen-Effekts” oder Büscheleffekts, welcher zuvor auch noch mit der Micrografts-Methode als problematisch galt.

1990er- bis 2000er-Jahre: Von der FUT- zur FUE-Methode in Japan und Australien

Die Entdeckung genuiner Haareinheiten leitet die Einführung moderner Operationstechniken ein. Die FUT-Methode (“Follicular Unit Transplantation”, also Transplantation follikulärer Einheiten) bedient sich weiterhin der Entnahme behaarter Hautstreifen. Diese werden jedoch vor der Verpflanzung nicht mehr in Mini- und Micrografts, sondern eben in follikuläre Einheiten zerteilt.

Im nächsten Schritt liegt der Fokus auf dem Spenderbereich: Etwa zeitgleich entwickeln Dr. Masumi Inaba in Japan und das australische Ärztegeschwisterpaar Dr. Angela und Dr. Ray Woods ein schonendes Verfahren mittels Nadeln, das die Entnahme einzelner FUs, also follikulärer Einheiten, im Spenderbereich vorsieht. Nun werden also FUs sowohl einzeln extrahiert als auch einzeln implantiert. Im Gegensatz zur Streifentechnik bleibt der Entnahmebereich narbenfrei. Das neue Verfahren ist bis heute etablierter Standard bei Haartransplantationen: die FUE-Methode (“Follicular Unit Extraction” oder Entnahme follikulärer Einheiten).

2016 – Jetzt: Die Zelltherapie – Haarmultiplikation in Japan

3D-Ansicht von Körperzellen unter dem Mikroskop

Aktuelle Forschungen zur Reaktivierung des Haarwuchses betreffen nicht nur die Haarverpflanzung, sondern zusätzlich eine Haarzellentransplantation mit vorangegangener Zellvervielfältigung. Dabei handelt es sich um Klone aktiver Eigenhaarzellen. Zuständige Regulierungsbehörden genehmigen 2016 die Studie einer derartigen Haarmultiplikation in Japan.

Den an erblich bedingtem Haarausfall leidenden Studienteilnehmern werden zu Beginn gesunde Haarzellen entnommen. Diese werden repliziert und schließlich findet die Injektion der geklonten Zellen in unbehaarte Hautbereichen statt. Dieser Therapieansatz ist heute noch nicht ausgereift genug, um als klinische Anwendung infrage zu kommen, gilt jedoch als zukunftsweisend.

Ein knappes Jahrhundert Haartransplantation mit großen Fortschritten

Mit aktuellen Versuchen einer Haarmultiplikation in Japan schließt sich der Kreis: Bereits 1930 hat die professionelle Haartransplantation in Japan ihren Anfang genommen. Die vergangenen neun Jahrzehnte haben den hohen Stellenwert der Haarausfallproblematik eindrucksvoll bewiesen: Jede Neuerkenntnis wurde von Gelehrten in aller Welt bereitwillig als Ausgangspunkt für eigene Forschungen aufgegriffen.

Zentren bisheriger Forschungstätigkeiten in der Haartransplantation waren die USA und Japan, auch Wissenschaftler in Deutschland und Australien haben ihren festen Platz in der Historie. Heute wird an der Optimierung von Implantat-Nährlösungen und Operationsinstrumenten gearbeitet. Nicht zuletzt steht die intensive Auseinandersetzung mit neuen aufsehenerregenden Techniken wie der erwähnten Zellvermehrung auf dem Programm: Das Projekt Eigenhaarbehandlung geht in die nächste Runde.

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